14. Juli 2002    09:21 Uhr    Gefahrguteinsatz – Freisetzung von Per-Essigsäure in Warburg

Der Löschzug Warburg, Freiwilligen Feuerwehr der Stadt Warburg wurde über die Brandmeldeanlage (BMA) eines Textilreinigungsbetriebes alarmiert. Beim Eintreffen des Einsatzleiters wurde ein Auslösen der Meldelinie 11 im Kellergeschoss Südseite angezeigt. Bereits an der Nebenmelderzentrale im Eingangsbereich des Verwaltungsgebäudes war ein stechender, aber nicht zu identifizierender Geruch wahrnehmbar. Die weitere Erkundung erfolgte deshalb von außen, der Löschzug mit TLF 16/25, DLK 23-12 und TLF 24/50 wurde zur Südseite beordert.

Die weitere Erkundung des ebenerdig zugänglichen Kellergeschosses ergab nach Öffnen eines Rolltores eine Freisetzung von Säuredämpfen, die sich in einer leichten Vernebelung des Raumes darstellte.

Nachalarmiert wurden GW-G II, GW-Messtechnik und RTW I.

Ein Löschangriff in Bereitstellung wurde aufgebaut.

Nach Eintreffen der nachalarmierten Fahrzeuge und eines Mitarbeiters der Firma wurde ein Trupp unter CSA ausgerüstet, in die Örtlichkeit eingewiesen und zur Erkundung vorgeschickt.

Die Geruchswahrnehmung und die Erkundung ergaben, dass in 2 ca. 1.000 l fassenden Behältern eine exotherme Reaktion eingesetzt hatte, die zu einer erheblichen Erwärmung der Behälter und Freisetzung von Säuredämpfen im Raum führte.

Vom vorgehenden Trupp wurden die Säuredämpfe mit einem C-Rohr (Hohlstrahlrohr) niedergeschlagen und die Behälter gekühlt.

Die erforderlichen Benachrichtigungen der zuständigen Dienststellen und Institutionen erfolgten laut Alarm und Ausrückeordnung (kurz AAO) durch die Kreisleitstelle.

An der Ostseite des Gebäudes war zwischenzeitlich eine Säuredampffreisetzung aus einer Entlüftungsleitung festgestellt worden, die deutlich zunahm. Hier wurde ein weiteres C-Rohr als Wasserwerfer aufgebaut und mit Sprühstrahl zum Niederschlagen der Säuredämpfe eingesetzt.

Nach weiterer Information durch Firmenmitarbeiter handelte es sich bei den Tanks um doppelwandige PE-Behälter. Aufgrund der exothermen Reaktion war mit einem Materialversagen der Behälter zu rechnen.

Als weitere Maßnahmen wurde veranlasst:

Vornahme eines Hochleistungslüfters vom Kesselhaus her, um die Säuredämpfe aus dem Bereich Kesselhaus fernzuhalten und eine Querlüftung zur Südseite des Gebäudes hin zu erreichen.

Hinzuziehung des Fachberaters Chemie, Feuerwehr Bad Driburg, BI Thomas Arens.

TUIS-Anfrage, Hilfeersuchen Stufe 1.

Über die Werkfeuerwehr BASF wurden Informationen dahingehend eingeholt, dass die Reaktion zunächst abklingen muss, bevor ein Umfüllen eingeleitet werden kann. Die Flüssigkeit wurde zunächst in den beiden Behältern belassen und diese mit Wassersprühstrahl gekühlt.

Weitere Informationen von der Herstellerfirma wurden durch einen Fachberater telefonisch übermittelt. Bei dem Produkt in den Tanks handelt es sich um Penta-Aktiv – ein Bleich- und Desinfektionsmittel auf der Basis von Per-Essigsäure.

In Abstimmung mit dem Fachberater Chemie der Feuerwehr wurde aufgrund der hohen Reaktionstemperatur und der Gefahr eines Behälterversagens entschieden, die beiden Tanks umzupumpen.

Zur Verstärkung wurden im Lauf des Einsatzes die Löschgruppen Ossendorf, Hohenwepel und Daseburg sowie des Wechselladerfahrzeug der Kreisleitstelle mit dem Abrollbehälter Atemschutz nachalarmiert.

Im Bereich des Zuganges vom Kesselhaus und am Rolltor zur Hoffläche wurden mit Folie und Sandsäcken Barrieren aufgebaut.

Eine Flüssigkeitsentnahme über die an den Tanks befindlichen Armaturen war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich. Durch die beginnende Ausflockung konnte dort keine Flüssigkeit entnommen werden.

Ein Trupp unter CSA löste deshalb die oberseitigen Verbindungsleitungen der beiden Tanks. Ein weiterer Versuch über einen Saugheber die Tanks zu entleeren scheiterte ebenfalls.

 

Da die Fasspumpe aus Platzgründen und die Gefahrgutpumpe (ELRO-Pumpe) aus Gründen der hohen Temperatur von mittlerweile ca. 70 °C nicht eingesetzt werden konnten, wurde die Handmembranpumpe zum Einsatz gebracht. Zunächst wurde mit PVC-Kunststoffspiralschlauch gearbeitet. Dieser versagte aber aus Temperaturgründen.

Daraufhin wurde aus einem PVC-Metallspiralschlauch unter Zuhilfenahme von Armaturen des GW-G II eine Leitung zusammengebaut. Damit konnte dann die Flüssigkeit in zwei offene Gerüstbehälter mit jeweils 1.000 l Wasservorlage umgepumpt werden.

Parallel dazu war von den Stadtwerken - Abwasser - der Zulauf zum Hauptsammler mit einem Kanaldichtkissen abgesperrt worden.

Am Zulauf des Klärwerkes, ca. 2,5 km von der Einsatzstelle entfernt, wurde ein Einlaufwert von pH 7,9 gemessen. Aufgrund der weiteren Einsatzmaßnahmen ist jedoch während des Feuerwehreinsatzes keine Flüssigkeit in das Kanalnetz gelangt.

Nach Beendigung des Umfüllvorganges wurde die Flüssigkeit in den beiden Behälter hinsichtlich pH-Wert und Temperatur regelmäßig überprüft. Die Temperatur sank im Verlauf von ca. 90 Minuten von ca. 70 °C auf ca. 30 °C ab. Der pH-Wert von zunächst pH 1 pendelte sich dann bei pH 3 - 4 in beiden Behältern ein.

Die Flüssigkeit wurde dann aus den Gerüstbehältern mittels Fasspumpe in die IBC umgefüllt. Hierzu wurde je IBC eine Wasservorlage von 200 l eingefüllt und die IBC dann bis auf ca. 800 l aufgefüllt. Insgesamt wurden 8 IBC mit der Flüssigkeit und der Waschflüssigkeit der Dekontamination der Ausrüstung und der Geräte gefüllt.

Der Umfüllvorgang war gegen 20:00 Uhr beendet. Die vorgenommenen Geräte wurden einer Einsatzstellendekontamination unterzogen, die Waschflüssigkeit wurde ebenfalls aufgefangen und in einen IBC gefüllt.

Mit der Wärmebildkamera wurden die Tanks kontrolliert. Bis auf eine geringe Restmenge im Tank sowie eine Restemenge in der Doppelschale des 2. Tanks waren die Tanks leer.

Die beiden defekten Tanks wurden anschließend von Firmenmitarbeitern demontiert und ins Freie geschafft.  

Die Feuerwehr übergab die Einsatzstelle um 20:58 Uhr an den Betreiber.

Mit Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft wurde der Einsatz um 22:00 Uhr geschlossen.

Eingesetzt wurden folgende Fahrzeuge und Einheiten:

LZ Warburg
KdoW 
TLF 16/25
TLF 24/50
DLK 23-12
LF 16-TS
RW 2-Öl
GW-G II
GW-N
GW-Messtechnik

LG Daseburg
TSF-W

LG Hohenwepel
TSF-W

LG Ossendorf
LF 8
GW

Rettungsdienst Warburg
NEF
RTW 1
RTW 2

Kreisfeuerwehrzentrale Kreis Höxter
WLF mit AB-Atemschutz

Feuerwehr Bad Driburg - Fachberater Chemie
MTF

Bürgermeister Walter Hellmuth informiert sich vor Ort über die Einsatzmaßnahmen und das Schadenausmaß.

Text: Detlef Menne Fotos: Jürgen Rabbe